Der Spießer in Mir

5 animierte Musikvideos, 13:56

Seit ich ein Teenager bin, lebe ich in ständiger Abgrenzung zu einer höchst ominösen Spießigkeit, die näher zu definieren ich mir bis zum Beginn dieser Arbeit nie die Mühe gemacht habe. Völlig gedankenlos habe ich alles, was mir in irgendeiner Weise zu bürgerlich, zu sauber, zu regelkonform oder zu verkrampft vorkam, als „spießig“ bezeichnet und dachte, damit sei ich fein raus.

Rückblickend betrachtet war ich – aufgewachsen in einer biederen Kleinstadt im Frankfurter Speckgürtel – schon damals von der festen Überzeugung getrieben, ich würde eines Tages zum Spießer mutieren, wehrte ich mich nicht nach Leibeskräften dagegen. Es schien mir der natürliche Lauf der Dinge zu sein, dem es sich um jeden Preis zu widersetzen galt. Die Vorstellung, irgendwann ein ähnlich langweiliges und dröges Leben wie die Leute zu führen, die in unserer Straße wohnten, machte mir eine absurde Angst. Auch als ich längst aus dieser kleinstädtischen Enge entflohen war, schwebte sie über meinem Haupt wie ein Damoklesschwert und ich war stets auf der Suche nach neuen Wegen, meinem Schicksal zu entkommen: Ich suchte Erlösung im künstlerischen Schaffen, im Exzess, in alternativen Lebensgemeinschaften, im Aktivismus und in so manch anderem. Aber die Angst holte mich immer wieder ein. Eines Tages stellte ich fest, dass ich nie näher definiert hatte, wie mein persönliches Schreckgespenst eigentlich aussah. Das erschien mir doch einigermaßen absurd. Da rannte ich die ganze Zeit – und wusste noch nicht einmal, was das eigentlich genau war, vor dem ich davon rannte! So begann die Arbeit an diesem Projekt.

In fünf visualisierten Musikstücken erzählt die nun entstandene Arbeit auf essayistische Weise meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Spießer in mir. Sie erhebt weder den Anspruch auf Vollständigkeit oder Präzision noch auf Allgemeingültigkeit. Sie liefert auch keine universelle Definition, was es mit dieser verdammten Spießigkeit denn nun auf sich hat, doch vermag sie es vielleicht, der ein oder anderen Person dabei zu helfen, die* eigene innere Spießer:in zu umarmen und einen kleinen Frieden mit sich zu schließen.